Nachlese zu Young Euro Classic:

Anklage gegen Kriegspolitik und EU

Von Verena Nees
13. September 2017

Das internationale Jugendorchestertreffen in Berlin, Young Euro Classic, ist am 3. September mit dem Auftritt des Cuban-European Youth Orchestra ausgeklungen. Erneut hat das beliebte Musikfestival rund 24.000 Besucher angezogen. An den 19 Konzerten waren 1300 junge Musiker aus aller Welt beteiligt.

Manch einem Musikbegeisterten war in diesem Jahr jedoch nicht nach Feiern zumute – fand doch das internationale und multikulturelle Festival in einer beängstigenden Situation von Kriegsgefahr, zunehmendem Nationalismus und ausländerfeindlicher Propaganda statt, von der auch die deutsche Hauptstadt kurz vor der Bundestagswahl beherrscht wird. Seit dem Jahr 2015, als der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier beim Young Euro Classic Festival noch ein eigens gegründetes „Friedensorchester“ begrüßte, ist das politische Klima weiter nach rechts gerückt.

Auch das Interesse der Medien an einem Orchestertreffen, das ausdrücklich Nationalismus und Krieg ablehnt, scheint in diesem Jahr nachgelassen zu haben. Der Kontrast des Selbstverständnisses von Young Euro Classic, dass die Menschen durch Musik alle Grenzen überwinden und ein friedliches Miteinander erreichen können, zum derzeit vorherrschenden intellektuellen Klima war in diesem Jahr besonders groß.

„Sternlose Nacht“ – der Klang von Atomkrieg

Besonders drastisch kam dieser Widerspruch zum Ausdruck, als Chor und Orchester der Elisabeth Musikhochschule in Hiroshima am 26. August unter Leitung von Jonathan Stockhammer „Sternlose Nacht“ von Toshio Hosokawa aufführten, ein grandioses Antikriegs-Werk aus dem Jahr 2010.

Chor und Orchester der Elisabeth Musikhochschule in Hiroshima © Kai Bienert MUTESOUVENIR

Erstaunlicherweise wurde es erstmals überhaupt in Berlin gespielt, und noch dazu von einem Studentenorchester statt einem der großen etablierten Orchester Berlins, die ansonsten die Musikstücke des führenden zeitgenössischen Komponisten aus Hiroshima gerne ins Programm nehmen.

Wie kann Musik das Grauen eines Atombombenabwurfs auf eine Großstadt zum Ausdruck bringen, wie am 6. August 1945 in Hiroshima geschehen – und heute vom amerikanischen Präsidenten Nordkorea angedroht? Wie den verheerenden Feuersturm in Dresden am 13. Februar 1945, der militärisch nicht die Nazi-Macht traf, sondern die Zivilbevölkerung und die Flüchtlinge?

Toshio Hosokawas Komposition hat eine sehr bewegende Antwort gegeben. Die Autorin dieser Zeilen hat bisher noch kein Werk der Neuen Musik erlebt, dass derart emotional erschütternd und zugleich musikalisch faszinierend ist wie seine „Sternlose Nacht“!

Toshio Hosokawa, der 1955 in Hiroshima geboren wurde, erfuhr von seinen Eltern, die den Bombenangriff überlebten, erst später über ihre schrecklichen Erfahrungen. Er studierte in Deutschland und Berlin, wo ihn Isang Yun, Klaus Huber und Helmut Lachenmann prägten. Als er von der Frauenkirche in Dresden, die selbst durch den Feuersturm 1945 zerstört worden war, den Auftrag erhielt, eine Komposition zum 200-jährigen Todestag von Joseph Haydn im Jahr 2009 zu schaffen, die vor allem seine „Schöpfung“ würdigen sollte, entschied er sich für einen anderen Schwerpunkt.

Er schuf ein Oratorium, dass die Zerstörung der Schöpfung durch die Weltkriege thematisiert und dabei eine Brücke zwischen den Vorboten des Ersten Weltkriegs bis zu den Grauen des Zweiten Weltkriegs schlägt. Texte, wie die Gedichte des deutschen Expressionisten Georg Trakl vor dem Ersten Weltkrieg, Augenzeugenberichte aus Dresden und Hiroshima und schließlich das Gedicht des jüdischen Religionshistorikers Gershom Scholem, „Gruß vom Angelus“, sind in einer Musik eingebettet, die atonale mit tonalen, sakralen, manchmal romantischen Elementen verbindet und neben den europäischen auch asiatische Instrumente einbezieht, beispielsweise japanische Windglocken.

Mit vielfältigen Klangformen erzeugen Orchester und Chor zusammen mit zwei Sängerinnen und zwei Sprechern die bedrohliche Stimmung eines Bombenkriegs. Dazu gehören Geräusche, Flüstern, Zischen, das in der Zen-Mystik bekannte Ein- und Ausatmen, das meditative Pausen begleitet. Dennoch besteht Hosokawas Musik nicht aus oberflächlicher Klangspielerei, wie so viele Stücke der Neuen Musik, sondern entfaltet sich zu einem dramatischen Gesamtwerk mit ungeheurer Spannung und, wie im Gesang der beiden Sopranistinnen, von klanglicher Schönheit.

Nach Atmen und Pusten zu Beginn, das in einen tonlosen Sprechchor eines Trakl-Gedichts vom Winter übergeht, und einem klagenden Altflöten-Solo erreicht das Werk seinen schockierenden Höhepunkt: „Es war der 13. Februar 1945. Ich lebte mit meiner Mutter und Geschwistern … in Dresden und freute mich, meinen 10. Geburtstag am 16. Februar zu feiern.“ Heikko Deutschmann liest den aufwühlenden Bericht des damals neun Jahre alten Lothar Metzger.

„Wir sahen furchtbare Dinge: verbrannte Erwachsene geschrumpft auf die Größe eines Kleinkinds, Teile von Armen und Beinen, tote Menschen, ganze zu Tode verbrannte Familien, brennende Menschen, die hin- und herrannten, brennende Wagen, gefüllt mit zivilen Flüchtlingen, tote Helfer und Soldaten, viele riefen und suchten nach ihren Kindern und Familien, und Feuer überall, überall Feuer … Ich kann diese schrecklichen Details nicht vergessen. Ich kann sie niemals vergessen.“

Seine Erzählung vermischt sich mit der von Angela Gill (gesprochen von Nina Petri), damals acht Jahre alt: „Jedes Gebäude sah aus wie glühende Kohle, und die Stahlgitter leuchteten in dunklem Rot.“

Die Stimmen der Sprecher werden lauter, geraten durcheinander, mischen sich in den anschwellenden Klangwirbel von Orchester und Chor. Sie gehen über zum berührenden Gesang der zwei Sopranistinnen, die mit dem Augenzeugen Masao Masunishi aus Hiroshima enden: „Als ich im Kindergarten mit Bauklötzen spielte, fiel die Atombombe. Die Decke des Zimmers stürzte ein. Mein Bruder Yocchan starb.“ (Aus: „From under the cloud of the atomic bomb“)

Toshio Hosokawa leitet darauf zum „Gruß vom Angelus“ von Gershom Scholem über und schlägt damit den Bogen zum Holocaust. Scholem, der in Berlin aufgewachsen ist, widmete das Gedicht seinem Freund Walter Benjamin, der auf der Flucht vor den Nazis sein Lieblingsbild von Paul Klee „Angelus Novus“ mitgenommen hatte. Dem Gedicht, gesungen von Yoshiko Kobayashi, hat Hosokawa eine große, kontrastreiche Tonfülle verliehen. Die Zeilen werden regelrecht herausgeschleudert, wie eine Anklage und zugleich ein Aufruf gegen Krieg und Faschismus: „Mein Flügel ist zum Schwung bereit / Ich kehrte gern zurück … Mein Auge ist ganz schwarz und voll / Mein Blick wird niemals leer / Ich weiß was ich verkünden soll / Und weiß noch vieles mehr.“

Das sichtlich bewegte Publikum dankte dem Orchester und Chor aus Hiroshima mit einem nicht enden wollenden Beifall.

Für eine Zukunft in Europa

Für viele der teilnehmenden Orchester des diesjährigen Young Euro Classic Festivals lieferte das portugiesische Jugendorchester am 1. September einen passenden Schlussakkord.

Musiker des portugiesischen Jugendorchesters klagen die EU an © Kai Bienert MUTESOUVENIR

Das Orchester steckt wie auch eine Reihe anderer Jugendorchester Europas, darunter das am nächsten Tag gefeierte französische Orchester oder auch das erstmals aufgetretene moldawische Orchester, in Finanznöten. Während die Staaten der Europäischen Union Milliarden in ihre militärische Aufrüstung stecken, fließen immer weniger Fördergelder in die Kultur oder in die Bildung. Portugal gehört wie Spanien, Griechenland, Irland zu den Ländern, die am meisten unter den Spardiktaten der EU ächzen.

Die jungen Musiker des Jovem Orquestra Portuguesa müssen befürchten, dass sie das letzte Mal bei Young Euro Classic dabei sein konnten. Umso leidenschaftlicher spielten sie am Ende ihres Programms die Eroica von Beethoven, die dritte Symphonie aus dem Jahr 1805, die schon damals ein besonders elektrisierendes Stück für Beethovens Zeitgenossen gewesen sein muss.

Ursprünglich dem jungen Napoleon Bonaparte gewidmet, benannte sie Beethoven aus Wut über dessen Selbsternennung zum „Kaiser der Franzosen“ um und schrieb im Untertitel: „Erinnerung an einen großen Menschen“. Forscher vermuten dahinter den antiken Helden Prometheus, der den Göttern das Feuer stahl und es den Menschen brachte. Im letzten Satz hat Beethoven nicht zufällig ein Thema aus seinem Ballett „Die Geschöpfe des Prometheus“ eingefügt.

Das musikalische Feuer, das die portugiesischen Jugendlichen im Finale entfachten, passte zum Werkkommentar im Programmheft, Beethoven habe anscheinend wie Prometheus „noch einmal die musikalische Welt seiner Zeit aus den Angeln zu heben versucht“.

Der eigentliche Schlussakkord des Orchesters erfolgte jedoch erst danach: Der Dirigent Pedro Carneiro verbeugte sich und das Orchester begann, als Zugabe den vierten Satz von Beethovens Neunter Symphonie zu spielen – bis zum Punkt, an dem die „Ode an die Freude“, die Grundlage der EU-Hymne, erklingen müsste. Plötzlich verstummten die Instrumente.

Stattdessen gingen einige Musiker ans Mikrofon: „Wir glauben an Gleichheit“, rief eine junge Künstlerin. „Wir sind gegen Diskriminierung“, die nächste. Im Chor: „Wir sind Europäer“. Doch leider, so ein Musiker weiter, sei die Zukunft des Orchesters nicht gesichert. Das Publikum reagierte betroffen und erhob sich nach und nach von den Sitzen zu stehenden Ovationen, unter ihnen einige mit Tränen in den Augen.

Das Motto des Young Euro Classic Festivals „Hier spielt die Zukunft“ hat in diesem Jahr eine tiefere Bedeutung erhalten: Die europäische und internationale Jugend spielt um ihre Zukunft, gegen Krieg und gegen den sozialen und kulturellen Niedergang Europas und der Welt.

Auf Arte Mediathek ist die „Sternlose Nacht“ noch bis zum 25. September zu hören.

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